Critical Incidents

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Unter einem Critical Incident (CI) wird eine zwischen Angehörigen unterschiedlicher (National-) Kulturen auftretende ‚kritische Interaktionssituation‘ verstanden. Diese dokumentiert in Form von Anekdoten oder Fallstudien spezifische Missverständnis-Situationen, in denen die TeilhaberInnen jener Kulturen in Kontakt treten. Solche CIs finden bevorzugt in interkulturellen Trainings Anwendung, wo sie als Analyse- und Lernmaterial für interkulturelle Probleme beliebt sind.

Einordnung des Übungstyps Critical Incidents in die Methodenlandkarte nach Bolten


Konzept

Der Untersuchung kritischer Interaktionssituationen liegt die Thesis zugrunde, dass es kulturspezifische Handlungsweisen gibt, die sich von denen anderer Kulturen mehr oder weniger stark unterscheiden. Treten Angehörige dieser Kulturen miteinander in Kontakt, ohne sich der unterschiedlichen Gewohnheiten bewusst zu sein, kann es zu Irritationen, Missverständnissen oder gar Konflikten kommen. In dem Fall spricht man von einem CI. Diese Herangehensweise basiert auf der Annahme, dass die interkulturellen Begegnungssituationen von den beteiligten Personen unterschiedlich gedeutet werden, da sie ihre Reaktionen an den ihnen jeweils bekannten Orientierungsmerkmalen ausrichten. Diese ,Deutungsanker' werden vom Organisationspsychologen Alexander Thomas als ‚Kulturstandards‘ bezeichnet, welche die zentralen Kennzeichen einer (National-) Kultur abbilden und von dieser als normal und verbindlich angesehen werden. Laut Thomas sind damit aus der Außenperspektive einer Kultur Rückschlüsse darauf möglich, was in dieser als normal empfunden wird. Das Prekäre an einer solchen interkulturellen Situation besteht an der Stelle darin, dass das eigene kulturelle Verhalten von Angehörigen einer Kultur selbst nicht reflektiert werden kann, da es intuitiv abläuft.

Entstehung und Verbreitung des Begriffs

Der Begriff „Critical Incident" wurde 1971 von den drei US-Amerikanern Fred Fiedler, Terence Mitchell und Harry Triandis in den Diskurs der damals entstehenden kulturvergleichenden Psychologie eingeführt. Die drei Forscher hatten den Begriff von John C. Flanagan übernommen, der in den 1950er Jahren die sog. Critical Incident Technique aus der flugpsychologischen Eignungsforschung als Analysemethode für die Verhaltensforschung ins Spiel brachte. Das amerikanische Militär hatte im Zweiten Weltkrieg die Criticial Incident Technique zur Eignungsprüfung von Flugschülern eingesetzt. Erfahrene Piloten hatten dazu diejenigen Verhaltensweisen identifiziert, die entscheidend für den Erfolg bzw. Misserfolg einer fliegerischen Mission waren. In den Assessments wurden die Fluganwärter mit herausfordernden Situationen konfrontiert, die eben jene Verhaltensweisen zu Tage bringen sollten. Anhand ihrer situativ gewählten Bewältigungsstrategien wurden die Flugschüler anschließend als „kompetent“ oder „inkompetent“ eingestuft. Diese ausschlaggebenden Situationen wurden Critical Incidents genannt. Flanagan selbst wies darauf hin, dass die Critical Incident Technique nicht an die flugpsychologische Eignungsforschung gebunden ist, sondern sich generell als Methode eignet, in anspruchsvollen Handlungskontexten die Situationen mit dem höchsten Anforderungspotenzial zu identifizieren. Dieser Überlegung folgend übertrugen Fiedler et al. 1971 diese Methode auf den Bereich der interkulturellen Interaktion.

Gewinnung von CIs

Häufig findet eine Gewinnung kritischer Interaktionssituationen im Kontext von Fach- und Führungskräften statt. Für die Erhebung baut man auf Erfahrung und Erlebnisse von Individuen. Ausgangspunkt der Untersuchungen bilden hier problemzentrierte Interviews, mit deren Hilfe kritische Interaktionssituationen aus interkulturellen Kontexten identifiziert werden. So werden bspw. Personen befragt, die ihren CI im Ausland erlebt haben. Das gesamte Verfahren der CI-Gewinnung kann in folgenden vier Phasen verlaufen:

  1. Befragt werden Personen nach erlebten kritischen Interaktionssituationen per Interview oder in Gruppendiskussionen. Die Erzählungen werden verschriftlicht.
  2. Muttersprachliche ExpertInnen aus beiden Kulturen beurteilen die CIs, das Material wird eingehend analysiert und die gesammelten Incidents werden auf Wahrscheinlichkeit sowie Beispielhaftigkeit gesichtet.
  3. Zu jedem CI geben die ExpertInnen eine eigene Erklärung. Man kontextualisiert die Analysen im allgemeinen kulturellen Zusammenhang und verbindet sie mit kulturhistorischen Erkenntnissen. Anschließend werden die CIs mit den Analysen versehen.
  4. Aus den Reaktionen werden Leitfragen entwickelt, welche die ExpertInnen wiederum beurteilen. Zuletzt findet eine Kategorisierung und Systematisierung der CIs statt.

Kriterien

Kritische Interaktionssituationen zeichnen sich durch folgende Kriterien aus:

  • Sie sind alltäglich, wiederkehrend, authentisch und damit typisch für Interaktionen von Personen aus den beiden beteiligten Kulturen.
  • Sie sind für die Interaktionspartner relevant.
  • Sie verlaufen nicht erwartungsgemäß (negativ/positiv), sondern werden als überraschend, unverständlich oder konflikthaft erlebt.
  • Sie können mit ausreichendem kulturellen Hintergrundwissen plausibel gedeutet werden.

Verwendung in der interkulturellen Trainingspraxis

Für interkulturelle Trainings im engeren Sinn der Methodenlandkarte werden CIs den Übungstypen zugeordnet, die in methodisch distributiven Kontexten Anwendung finden und Interkulturalität thematisieren. Das Lernziel besteht darin, Besonderheiten und Herausforderungen interkulturellen Handelns zu verstehen sowie Unsicherheits- und Missverständnisbedingungen reflektieren zu können.

Zu den bekanntesten und heute immer noch am meisten verwendeten Trainingstypen zur Thematisierung von Interkulturalität zählt der Culture Assimilator, dessen in den 70er Jahren in den USA entwickelte Methode im deutschsprachigen Raum vor allem durch Alexander Thomas Verbreitung fand. Im Mittelpunkt dieser Übung steht die Darstellung einer kritischen Interaktionssituation, die zwischen Angehörigen unterschiedlicher (National-) Kulturen aufgetreten ist. Die Analyse erfolgt nach einem Multiple-Choice-Verfahren, in dem den Trainees verschiedene Lösungsmöglichkeiten angeboten werden, bevor der CI auf einen konkreten Kulturstandard als Erklärung für das Missverständnis zurückgeführt wird.

Chancen und kritische Betrachtung

In der Forschung sind CIs aufgrund ihres theoretischen Mangels vielfacher Kritik ausgesetzt.

Ein erster Kritikpunkt bezieht sich auf die Form des Übungstyps. Die schriftliche Darstellung kann auf die ÜbungsteilnehmerInnen zu abstrakt und somit wenig „involvierend“ wirken. In Bezug auf den Inhalt ist es sehr naheliegend, dass die kurze Beschreibung einer Situation und deren Interpretation bereits von der subjektiven Wahrnehmung des Beobachters geprägt ist. Es ist zu bezweifeln, inwieweit CIs die Wirklichkeit verlässlich abbilden können. Der Übungstyp birgt die Gefahr, die Kontexte der CIs gar nicht oder nur unzureichend zu beschreiben, sodass letztlich jede genannte Erklärung zutreffen könnte. Die Antwortoptionen mit „richtig“ oder „überwiegend zutreffend“ zu kennzeichnen, lässt die Möglichkeit außer Acht, dass Missverständnisse aus Vorurteilen resultieren können. Besonders anzuprangern ist, dass CIs immer zwischen Angehörigen zweier unterschiedlicher Nationalkulturen stattfinden. Es wird suggeriert, dass es ausreicht, den dargelegten Teilausschnitt zu betrachten, um die Merkmale einer gesamten Bevölkerungsgruppe zu verstehen. Dies ist insofern gefährlich, als dass durch die Verallgemeinerung der Einzelfälle die Bildung von Nationalstereotypen begünstigt werden kann. TrainerInnen, die diesen Übungstyp anwenden, sollten ihre TeilnehmerInnen daher unbedingt auf die kritischen Aspekte hinweisen. Kritisch einzuwenden in Bezug auf die CI Methode ist außerdem, dass bei diesem Übungstyp interkulturelle Begegnungssituationen in erster Linie als Problem anstatt als Chance begriffen werden.

Praktisches Potenzial hätte die Arbeit mit CIs, wenn sie als Ergänzung zu weiteren Übungen verwendet wird. Der/die TrainerIn sollte auf die kritischen Aspekte des Übungstypen hinweisen und die Teilnehmenden stärker einbeziehen. Dazu gehört etwa das Erzählen selbst erlebter, bedeutsamer Interaktionssituationen in einer Gruppe oder die Video-Darstellung kritischer Interaktionssituationen sowie die Einbettung von CIs in eine multimediale Lernumgebung.

Educast zu CIs/ Culture Assimilator

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Weiterführende Literatur

  • Bolten, J. (2016). Interkulturelle Trainings neu denken. Intercultural Journal Bd. 15, Heft 26. Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien. Online verfügbar unter: http://www.interculture-journal.com/index.php/icj/article/download/293/359.
  • Kammhuber, S. (2000). Interkulturelles Lernen und Lehren. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.
  • Thomas, A. (2003). Das Eigene, das Fremde, das Interkulturelle. In Thomas, A., Kinast, E.-U., Schroll-Machl, S. (Hrsg.), Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kooperation (S. 44-59). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Übungen zu CIs unter: http://www.ikkompetenz.thueringen.de/ca/index.htm

Quellenangaben

  • Barmeyer, C. (2010). Interkulturalität. In Barmeyer, C., Genkova, P., Scheffer, J. (Hrsg.), Interkulturelle Kommunikation und Kulturwissenschaft. Grundbegriffe, Wissenschaftsdisziplinen, Kulturräume (S. 35-71). 1. Aufl. Passau: Karl Stutz.
  • Bolten, J. (2015). Einführung in die interkulturelle Wirtschaftskommunikation. 2. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Heringer, H. J. (2010). Interkulturelle Kommunikation. 3. Aufl. Tübingen: A. Francke Verlag.
  • Layes, G. (2007). Kritische Interaktionssituation. In Straub, J., Weidemann, A., Weidemann, D. (Hrsg.), Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe – Theorien – Anwendungsfelder (S. 384-391). 1. Aufl. Weimar: J.B. Metzler.
  • Lüsebrink, H.J. (2016). Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. 4. Aufl. Stuttgart: J.B. Metzler.
  • Weidemann, A., Straub, J. & S. Nothnagel (2010). Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung. Bielefeld: transcript Verlag.