Coaching: inter-, multi- und transkulturelle Perspektive

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Coaching im kulturübergreifenden Kontext kann aus verschiedenen Perspektiven mit jeweils unterschiedlichen Kulturverständnissen betrachtet werden.

Die interkulturelle Perspektive

Die interkulturelle Perspektive geht vor allem von Missverständnissen, Konflikten und Irritationen beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen aus. Diese werden als Landes- oder Regionalkulturen gesehen und sind weitgehend homogen und statisch definiert.[1] Interkulturelles Coaching kann hier dabei helfen Irritationen und Störungen konstruktiv zu nutzen. In diesem Rahmen sollen wichtige Anstöße zur Selbstreflexion gegeben und der Coachee angeregt werden, eigene Lösungsstrategien zu finden bzw. zu entwickeln.[2] Durch die Selbstreflexion wird das eigene Bewusstsein des Coachees geschult und erweitert, welches das Fundament für die Aufnahmebereitschaft neuen Wissens bildet. Es geht vor allem darum, Wissen über fremde Kulturstandards anzueignen und kulturangemessenes Verhalten in Rollenspielen zu üben.[3] Ebenso soll eine interkulturelle Handlungskompetenz erlernt werden mit dem Ziel in einem fremden Orientierungssystem effektiv zu handeln.

Die Anforderungen an den Coach ergeben sich somit zum einen auf der inhaltlichen Ebene und zum anderen auf der didaktischen. Beispielsweise wird inhaltlich sowohl kulturallgemeines als auch kulturspezifisches Wissen vom Coach vorausgesetzt. Ebenso Kenntnisse in der interkulturellen Kommunikation, relevanter und aktueller Forschungsergebnisse bzw. Studien sowie Erfahrungen in diversen Branchen und Sprachkulturen. Didaktisch geht es primär darum, Kompetenzmodelle des interkulturellen Lernens zu kennen und darauf basierende Trainingselemente angemessen umsetzen zu können.[4] Positiv anzumerken ist, dass Kultur in diesem Ansatz als wichtiger Faktor erkannt, berücksichtigt und integriert wird. Allerdings besteht aufgrund der Verwendung des geschlossenen (Link? Erklärung des Kulturbegriffs) Begriffs von Kultur die Gefahr, dass die Komplexität der übrigen Einflussfaktoren unberücksichtigt bleibt.[5]

Die multikulturelle Perspektive

In der multikulturellen Perspektive werden mehrere verschiedene Einflussgrößen und kulturelle Wirkfaktoren miteinbezogen. Es wird nicht nur zwischen Landeskulturen unterschieden, sondern auch zwischen Kulturkreisen und deren Wirkung und Einfluss auf das Individuum. Dabei bleibt Kultur als zunächst unreflektierter Wirkfaktor im Hintergrund. Kultur ist emergent und die Lösungen, Symbole oder Formen werden von den jeweiligen Kulturgruppen als selbstverständlich vorausgesetzt. Im Coaching ist also herauszufinden, „welche Einflussfaktoren wirklich relevant sind und in welcher Veränderung die Lösung liegen könnte. […] Mehrere Dynamiken und Systeme müssen entdeckt und ihre Wechselwirkungen analysiert werden.“[6]

In diesem Ansatz spielt die Selbstreflexion eine zentrale Rolle, da davon ausgegangen wird, dass das Verhalten bzw. das Erleben des Verhaltens von Menschen häufig von der Metaebene beeinflusst wird. Dies wird erweitert mit der affektiven Umorganisation und dem Ausbau von Verhaltensmöglichkeiten.[7] Interkulturelle Kompetenz wird hier als Fähigkeit verstanden, Missverständnisse und Irritationen kultureller Natur zu verhindern. In interkulturellen Arbeitssituationen und -beziehungen wird bestrebt, Konflikte möglichst zu vermeiden.[8] Um diese Fähigkeit zu erlangen wird vor allem ressourcenorientiert gearbeitet. Dabei werden zunächst die jeweiligen Verhaltensmuster des Coachees erörtert und deren Effektivität im Hinblick auf einen spezifischen Kontext überprüft. Die dahinter stehenden Werte werden dann abgeglichen mit den Werten jenes Kontextes und ein Übereinstimmungs-, sowie Kollisionsmodell erarbeitet. Auf diese Weise sollen voreilige Stereotype verhindert werden.[9]

Die transkulturelle Perspektive

Die transkulturelle Perspektive geht davon aus, dass Kulturen und ihre Wertesysteme immer eine zentrale Rolle spielen und nicht nur dann, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen. Hauptaugenmerk ist daher der eigene „Diversity-Rucksack“, welcher jeder Mensch mit sich bringt. Kultur und die damit verstandene Identitätsarbeit sind fortlaufend Thema im interkulturellen Coaching. Um dies zu reflektieren ist ein offener und kohäsiver Kulturbegriff erforderlich, da Kulturen heutzutage generell als hybridisiert verstanden werden. Kultur wird ausgehandelt. So gesehen werden Kulturen ständig neu konstruiert und sind prozesshaft. Im interkulturellen Coaching wird bei Anwendung dieser Perspektive nicht nur kulturspezifisches Wissen, sondern auch systemorientiertes Reflektieren der verschiedenen Konstellationen notwendig. Ebenso thematisiert wird das Spannungsfeld zwischen Coach und Coachee. Der Interaktionsprozess zwischen diesen beiden Parteien muss immer wieder neu ausgehandelt werden und wird von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur beeinflusst.[10] Aus diesem Grund verläuft jedes Coaching anders und ist somit immer interkulturell. Die transkulturelle Perspektive beachtet vielfache kulturelle und strukturelle Einflussfaktoren ohne sie zu sehr in das Zentrum zu rücken.[11]

Literatur

  • Barmeyer, Ch. I. (2003). Interkulturelles Coaching und seine Teilsysteme: Kontext – Mensch – Prozess. Ein Fallbeispiel. SIETAR Journal, 9, S. 21.
  • Haas, H. (2008). Das interkulturelle Paradigma. Passau: Stutz.
  • Kalt, M. (2006). Interkulturelle Aspekte beim Coaching. In Lippmann, E. (Hrsg.): Coaching. Angewandte Psychologie für die Beratungspraxis. Heidelberg: Springer, S. 248.
  • Kinast, E. (2003). Interkulturelles Coaching von Fach- und Führungskräften – ein körperorientierter Ansatz. SIETAR Journal, 9, S. 25.
  • Krämer, G. (2010). Kultur im Coaching – Ergebnisse von Interviews mit Coachs weltweit. Mondial. SIETAR Journal für interkulturelle Perspektiven, 2, 22-24.
  • Nazarkiewicz, K. & Krämer, G. (2011). Interkulturelles Coaching. In Treichel, D. & Mayer, C. (Hrsg.). Lehrbuch Kultur. Lehr- und Lernmaterialien zur Vermittlung kultureller Kompetenzen (S. 365-372). Münster: Waxmann.
  • Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, 47-68.
  • Radatz, S. (2009): Beratung ohne Ratschlag. Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen. Wien: Verlag systemisches Management, 6. Auflage
  • Rosinski, P. (2003). Coaching Across Cultures. New tools for leveraging national, corporate & professional differences. London: Brealey.

Einzelnachweise

  1. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training–konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 51-52.
  2. Nazarkiewicz, K. (2013). Zitiert nach Barmeyer, Ch. I. (2003). Interkulturelles Coaching und seine Teilsysteme: Kontext – Mensch – Prozess. Ein Fallbeispiel. SIETAR Journal, 9, S. 21.
  3. Nazarkiewicz, K. (2013). Zitiert nach Kinast, E. (2003). Interkulturelles Coaching von Fach- und Führungskräften – ein körperorientierter Ansatz. SIETAR Journal 9, S. 25.
  4. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 54.
  5. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 55.
  6. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 55.
  7. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 55.
  8. Nazarkiewicz, K. (2013). Zitiert nach Kalt, M. (2006). Interkulturelle Aspekte beim Coaching. In Lippmann, E. (Hrsg.): Coaching. Angewandte Psychologie für die Beratungspraxis. Heidelberg: Springer, S. 248.
  9. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 56.
  10. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 57.
  11. Nazarkiewicz, K. (2013). Interkulturalität als immanenter Faktor in Coaching und Training – konzeptionelle Überlegungen. Interculture Journal, 12, S. 58.